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"Opfer normalen
Kriegsgeschehens"! oder politischen Kalküls?
Zu den Ursachen
für Massentötungen griechischer Zivilisten während der deutschen
Besatzungszeit.
Von Martin Seckendorf
Referat
auf dem Kongress für griechische Entschädigungsforderungen
gegenüber Deutschland, 2. bis 4. Dezember 2005, Athen
Inzwischen
sind 60 Jahre seit dem Ende des 2. Weltkrieges vergangen und griechische
Opfer deutscher Besatzungspolitik warten noch immer auf Wiedergutmachung
und Entschädigung. Bei der Zurückweisung griechischer Entschädigungsforderungen
durch deutsche Stellen spielt nach wie vor das Argument eine Rolle,
die gewaltigen Opfer unter der Zivilbevölkerung und die großen
Sachschäden, die Griechenland während der deutschen Besetzung
hinnehmen musste, seien Folgen normaler Kriegshandlungen und daher
nicht auf dem Klageweg griechischer Privatpersonen gegen die BRD
als Rechtsnachfolger des Nazi-Reiches zu regulieren. Noch im Urteil
des Bundesgerichtshofes vom 26. Juni 2003 wird das Massaker in
Distomo als eine "militärische Aktion" bezeichnet (III ZR 245/98,
S. 10). Die Akten der deutschen Besatzungsbehörden zeigen jedoch,
dass diese Einschätzung nicht der besatzungspolitischen Realität
entspricht. Sie legen sogar den Schluss nah, dass die meisten
Toten unter der Zivilbevölkerung nicht im Verlaufe oder in Folge
militärischer Kämpfe starben, sondern ganz offensichtlich bewusst
einkalkulierte Opfer der von den Besatzern verfolgten Herrschaftsstrategien
geworden sind.
Herrschaftsstrategien
scheint nach Analyse aller historischen Forschungsarbeit das Schlüsselwort
für die Erkundung der Ursachen für die meist unbeschreiblich grausamen
Massaker an griechischen Zivilisten zu sein. Die
unbestritten entscheidende Machtsäule im besetzten Griechenland
hatte bis November 1944, dem Abzug der deutschen Truppen, die
Wehrmacht inne. Sie war de jure und tatsächlich "Herr über Leben
und Tot aller Griechen", wie es einmal der Befehlshaber Saloniki-Ägäis
in maßloser Arroganz und Herrenmenschenmanier, jedoch durchaus
zutreffend formulierte. Deutsche Herrschaftsstrategien spiegeln
sich wegen dieser Position der Wehrmacht im Besatzungsregime zugespitzt
in den grundsätzlichen Befehlen und Weisungen für die deutschen
Streitkräfte wider.
Wenn man einmal
von dem eher hilflosen Versuch der deutschen Propaganda in den
ersten Wochen der Besatzung absieht, die Aggression vom 6. April
1941 nicht als Kampf gegen Griechenland, sondern als Krieg gegen
England und seine griechischen Helfer hinzustellen, um den Überfall
und die Besetzung politisch zu rechtfertigen, war die Strategie
der Wehrmacht grundsätzlich von der Absicht bestimmt, zur Sicherung
der deutschen Herrschaft sofort exzessiv militärische Gewalt gegen
die Zivilbevölkerung einzusetzen. Schon bei geringsten Anzeichen
von Widersetzlichkeit oder gar Widerstand wollte man massenhaft
Gewalt gegen eine möglichst große Anzahl von Zivilisten anwenden.
Das sollte vor allem gegen Menschen, die in aller Regel keine
sachliche oder räumliche Beziehung zu dem Anlass für den Gewalteinsatz
hatten, geschehen. Diese Art der Anwendung von Gewalt bezweckte
nicht nur und zunehmend nicht einmal in erster Linie, eine Widerstandsaktion
zu sühnen. Sie diente gegen alles Völkerrecht und gegen alle Kriegsbräuche
vor allem der Vorbeugung gegen künftigen Widerstand. Nicht um
der Sühne oder der Rache für erlittene Verluste, sondern um der
Vorbeugung willen wurde exzessiv gemordet. Es ging den Besatzern
um Prävention durch nachhaltige Abschreckung. Die besondere Art
und der Umfang der Gewaltanwendung sollte in breiten Kreisen der
Bevölkerung lähmendes Entsetzen erzeugen. Nur dadurch glaubte
man, auch angesichts einer als zu gering empfundenen deutschen
Truppenstärke die deutsche Herrschaft sichern zu können. Diese
Gewaltstrategie gegen die Bevölkerung bestimmte die deutsche Politik
bis zur Kriegswende. Erst ab Sommer 1943 sind Modifizierungen
erörtert worden, ohne das Grundkonzept zu verlassen und deshalb
auch ohne entscheidende Auswirkungen auf die Griechen.
Kreta 1941
Die ersten Befehle
für einen massiven Gewalteinsatz gegen Zivilisten, mit dem vorrangigen
Ziel der Vorbeugung ergingen auf Kreta. Hintergrund sind die Erfahrungen
der Deutschen beim Unternehmen "Merkur". Die Eroberung der Insel
hatte die Deutschen höhere personelle Verluste gekostet als die
vorangegangenen Feldzüge gegen Jugoslawien und das griechische
Festland zusammen genommen - eine für die Wehrmacht so kurz vor
dem großen Ostkrieg blamable Schlappe Besonders schockierte die
Deutschen, dass sich die Zivilbevölkerung in großer Zahl an der
Verteidigung der Insel beteiligte - ein von der Haager Landkriegsordnung
gedecktes Verfahren. Für deutsche Militärs aber war bewaffneter
Widerstand des Volkes eine kriminelle, todeswürdige Handlung.
Am 31.Mai.1941, nach Abschluss der Kämpfe, erließ der für Kreta
verantwortliche General der Flieger Student, Kommandierender General
des XI. Fliegerkorps, einen Grundsatzbefehl für die Handhabung
der Terrormaßnahmen auf der Insel., in dem die Prinzipie Rache
für die unerwartet hohen Verluste und Prävention gegen möglichen
Widerstand durch geradezu maßlosen Terror festgelegt wurden. Es
sei nun an der Zeit, meinte Student, "Vergeltung zu üben und Strafgerichte
abzuhalten, die auch als Abschreckungsmittel für die Zukunft dienen
sollten." Als Maßnahmen, die "mit äußerster Härte" und unter Ausschaltung
selbst der nicht zimperlichen Wehrmachtsjustiz zu verwirklichen
seien, hatte Student befohlen:
Auferlegung von
Kontributionen, Niederbrennen von Ortschaften(nach vorheriger
Sicherung der Barmittel und Wertgegenstände) und schließlich Erschießungen
ohne Obergrenzen bis zur "Ausrottung der männlichen Bevölkerung
ganzer Gebiete".
Damit erweist
sich der Student-Befehl als einer der furchtbarsten Befehle in
der jüngeren deutschen Militärgeschichte bis dahin.
Fortsetzung
auf dem Festland
Die Vorgänge
auf Kreta beeinflussten offenbar auch die Befehlsgebung für das
Festland, die nun wesentlich "schärfer" ausfielen, als vorher
geplant.
Dort kam es ab
Juli/August 1941 zu Unruhen. Ursachen waren vor allem die immer
schlechter werdende Lebenslage wegen des ungeheuren Raubzuges
der Wehrwacht und der Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion,
der den Widerstandswillen der Bevölkerung in allen besetzten Gebieten
verstärkte.
Zur Herrschaftssicherung
reagierte die Wehrmacht nach dem auf Kreta praktizierten Modell.
Gegenüber Kreta gab aber es zwei Neuerungen: Die Massaker wurden
zunehmend mit dem Vorwurf "kommunistischer Betätigung" begründet
und die Wehrmacht errichtete in Thessaloniki das erste nach deutschem
Vorbild aufgebaute KZ auf griechischem Boden, auch mit den Funktionen,
die die KZ in Deutschland zu erfüllen hatten.
Allein im Oktober
1941 wurden im Bereich des Befehlshabers Saloniki-Ägäis mehr als
800 Zivilisten umgebracht und mindestens sieben Dörfer zerstört.
Der Befehlshaber berichtete über den Verlauf der Ereignisse im
Oktober, man sei mit "ausgesprochener Schärfe" gegen die Bevölkerung
vorgegangen, um "die Unruheherde im Keim" zu ersticken, aber vor
allem, um "eine abschreckende Wirkung" zu erreichen. Die in ihrer
Art meist unbeschreiblichen Tötungen und die Zerstörungen erfolgten
häufig nur, weil die Opfer einer Widerstandstätigkeit verdächtigt
wurden und die zerstörten Dörfer den Partisanen als Unterschlupf
dienen können.
Kriegswende
1943
Die erste Hälfte
des Jahres 1943 offenbarte die Kriegswende, symbolisiert durch
Namen wie Stalingrad, Kursk, Sizilien. Eine für die Griechen gravierende
Folge dieser Entwicklung war die Änderung der Funktion des Landes
im Kalkül der Deutschen. Bis dahin fungierte Griechenland als
Absprungbasis für offensive Kriegshandlungen der Deutschen im
Mittelmeer, Nahen Osten und Nordafrika. Nun aber erwarteten die
deutschen Militärs eine alliierte Großlandung in Griechenland,
gewissermaßen die Eröffnung der zweiten alliierten Front. Sie
gingen davon aus, dass die Alliierten bei der Landung von der
Bevölkerung und der inzwischen gestärkten Widerstandsbewegung
unterstützt werden. Griechenland mutierte im strategischen Kalkül
der Deutschen zur Festung, die die Südostflanke des strategisch
wie wirtschaftlich immer wichtigeren Südosten des deutschen Imperiums
zu sichern hatte. Als Vorraussetzung einer Invasionsabwehr galt
bei den deutschen Militärs die "Befriedung" des Hinterlandes.
Deutlicher als je zuvor werden den deutschen Truppen vorbeugende,
präventiv wirkende Terrormaßnahmen gegen die Bevölkerung befohlen.
Vor der Invasion alliierter Truppen, so der Grundsatzbefehl des
OB Südost vom 14.Juli.1943, seien die Partisanenbewegung zu vernichten
und die in ihrer Mehrheit als "deutschfeindlich" eingeschätzte
Zivilbevölkerung durch permanenten Terror derart einzuschüchtern,
dass sie es nicht wage, sich im Invasionsfall gegen die deutschen
Truppen zu erheben. Der Massenterror gegen die griechische Bevölkerung
wurde zu einer generalstabsmäßig zu bearbeitenden militärischen
Aktion erklärt.
Zudem wurden
als zweite Komponente dieses verstärkten Kampfes gegen die Zivilbevölkerung
die Soldaten der Wehrmacht regelrecht gegen die Griechen aufgeputscht.
Die Griechen werden in ihrer Mehrheit nicht nur deutschfeindlicher
Haltung und kommunistischer Gesinnung verdächtigt. Es treten jetzt
auch rassistische Argumente auf - eine für die Bevölkerung katastrophale
Mischung, durch die nun auch Frauen und Kinder bei Säuberungs-
oder Vergeltungsaktionen nicht mehr verschont blieben. Der Kommandeur
der 1.Panzer-Division, eines auch von der technischen Ausrüstung
her ausgesprochenen militärischen Eliteverbandes, befahl am 5.
Juli 1943 unter Berufung auf einen Befehl des Oberkommandos des
Heeres, zur Abschreckung der Bevölkerung seien Sühnemaßnahmen
"mit äußerster Tatkraft und in einer Weise" durchzuführen, "die
ihre Wirkung auf weiteste Kreise der Bevölkerung nicht verfehlen."
In einem Befehl vom 7. Juli 1943 des Kommandeurs der vor allem
im Hinblick auf die ideologische Indoktrination der Soldaten als
Eliteverband geltenden 1. Gebirgsdivision, der "Edelweißdivision",
heißt es, "jede Weichheit in der Behandlung der Bevölkerung",
habe zu unterbleiben. Der Oberbefehlshaber der in Griechenland
befehlsführenden Heeresgruppe
E, Löhr, drohte in einem Grundsatzbefehl vom14.Juli 1943, jene
Soldaten, die "Weichheit" gegenüber Zivilisten zeigten, zur Verantwortung
zu ziehen. Löhr folgte damit einer Weisung des Oberkommandos der
Wehrmacht(OKW). Am 16.12.1942 hatte Keitel, der Chef des OKW,
angewiesen, gegen Partisanen und deren "Mitläufer" mit den "allerbrutalsten
Mitteln ... ohne Einschränkung auch gegen Frauen und Kinder" vorzugehen.
Soldaten, die sich nicht so verhielten, seien Verräter am deutschen
Volk. Andererseits wurde allen an diesen Unternehmen Beteiligten
zugesichert, dass selbst für grausamste Handlungen keine disziplinarische
oder gerichtliche Bestrafung erfolgt.
Typisch für die
Befehlslage in Griechenland nach der Kriegswende ist der schon
genannte Befehl der 1. Gebirgs- Division vom 7.Juli1943. Für die
Vorgehensweise in Gebieten, die als Partisanen gefährdet galten,
wurde befohlen, "schärfstens" durchzugreifen. "Alle Ortschaften"
die Partisanen "als Zuflucht dienen können, sind zu zerstören.
Die männliche Bevölkerung, die verdächtigt werde, am Partisanenkampf
teilgenommen oder die Partisanen unterstütz zu haben, sei zu erschießen.
Die nicht verdächtigte Bevölkerung solle verhaftet und als Gefangene
zur Zwangsarbeit abgeschoben werden. Am 18. August 1943 verschärfte
das OKW diesen Punkt. In der Weisung heißt es, Divisionskommandeure
oder "örtliche Führer" können anordnen, "dass keine Gefangene
gemacht werden bzw. dass Gefangene und im Kampfraum ergriffene
Bevölkerung erschossen werden dürfen." - Nicht nur die männliche
Bevölkerung, sondern auch Frauen und Kinder, die gesamte Bevölkerung
sind als Opfer vorgesehen. Das ist genau jene Konstellation, die
wir in dem Massaker von Kommeno im August 1943 oder in Klissura(April
1944) oder Dostomo(Jini 1944) vorfinden.
Ein Befehl des
"Kreta-Generals" Müller wird noch deutlicher. Er bezieht ausdrücklich
nicht nur am Widerstand nicht beteiligte Männer, sondern auch
Frauen und Kinder als Opfer bei "Vergeltungsmaßnahmen" ein. Am
14. August 1944 dekretierte er, auch auf "nichtschuldige Männer,
Frauen und Kinder" dürfe keine Rücksicht genommen werden.
Die allgemein
verschlechterte Lage Deutschlands führte seit April 1943 in der
deutschen Führung auch zu Diskussionen über Änderungen in der
Okkupationspolitik 8m Südosten Europas. Es ging darum, als Ergänzung
der knapper werdenden realen Machtmittel durch den Einsatz politischer
Methoden, vor allem der Propaganda, die personellen und ökonomischen
Ressourcen besser zu nutzen, den Zulauf zu den Andarten, den Partisanen,
zu stoppen und mehr Griechen auf die Seite der Deutschen zu ziehen.
Man wollte die funktionelle Kollaboration ausdehnen und den zur
politischen Kollaboration bereiten Griechen mehr Einfluss gewähren.
Neubacher, ein Mann der IG-Farben, der Initiator dieser Diskussionen,
erklärte, es sei das Ziel, "mit politischen Mitteln" die für die
Deutschen schlechter werdenden Verhältnisse wieder zu verbessern,
da man wegen der Entwicklung an der deutsch-sowjetischen Front
keine zusätzlichen materiellern Mittel habe. Ein zentraler Punkt
der so genannten neuen Politik waren die Reformen der "Sühne-
und Vergeltungsmaßnahmen". Man beabsichtigte, terroristische Aktionen
gegen die Bevölkerung, wie die Propaganda, differenzierter, politisch
zielgenauer einzusetzen. Außerdem mußte man den Kollaborateuren
bzw. deren Angehörigen, die bis dahin manchmal auch von den politisch
undifferenzierten, flächendeckenden Maßnahmen betroffen waren,
das überleben garantieren. Auf einer Besprechung der Stabschefs
aller Verbände und Territorialbefehlshaber in Griechenland erläuterte
der Generalstabschef der Heeresgruppe E, Winter - ein nach 1945
in der Bundesrepublik hochgeschätzter Wehrmachtsgeneralstäbler
- die neue Linie. August Winter erklärte, es gehe "leider nicht
an, alle Leute zu köpfen" und "völlig unbeteiligte Ortschaften
dem Erdboden gleichzumachen", da dies nur die Partisanen verstärke.
Künftig sollten die im Sinne der "Neuen Politik" richtigen Griechen,
die "wahrhaft Schuldigen" getötet werden. In einem Grundsatzbefehl
wurde ab 22. Dezember 1943 diese Linie umgesetzt. Angesichts der
Bemühungen um Zielgenauigkeit, um "chirurgisch saubere Schnitte"
- wie heutige Generalstäbler sagen würden - bei der Terrorpolitik,
hätte man erwarten können, dass die Opferzahlen sinken. Das Gegenteil
war der Fall. In keinem Jahr zuvor waren noch so viele Griechen
gewaltsam von deutscher Hand umgebracht worden, wie nach Erlass
dieses "Reformbefehls".(Kalavrita, Klissura, Distomo, über 100
gewaltsam zu tode gebrachte Grieczhenote pro Tag in den
Sommermonaten des Jahres 1944). Also stimmt die von Neubacher
und einigen deutschen Generalen schon kurz nach den Massakern
in Klissura und Distomo kreierte Legende, die örtlichen Kommandeure hätten eklatant befehlswidrig
gehandelt, die Massaker seien also "Ausschreitungen" einzelner
Offiziere gewesen. Aber schon ein Blick in den "Reformbefehl"
vom 22. Dezember 1943, der übrigens nach Abstimmung zwischen Löhr,
Felber (MilitärbefehlshaberSüdost) und Neubacher ergangen ist,
zeigt, dass diese Entwicklung vorhersehbar war. Die Militärs hatten
ihre extrem völkerrechtswidrige Linie vom Vorrang der auf Prävention
zielenden Massenmorde vor politischer Taktik in dem Befehl niedergelegt.
"Sühnemaßnahmen", heißt es dort, seien in jedem Fall zu ergreifen,
wenn dadurch "die Verhütung künftiger Anschläge zu erwarten ist."
Außerdem wurde der zu tötende Personenkreis de facto erweitert.
So wurden Obergrenzen
bei Erschießungen abgeschafft, was zu grässlichen hohen Opferzahlen
bei Erschießungen führte. "Passives Verhalten" galt von nun an
als todeswürdiger Straftatbestand. Auch Frauen und Jugendliche
konnten getötet werden, sobald man sie als Täter oder "Helfer"
verdächtigte. Entscheidend war die Festlegung, die praktisch den
ganzen neuen Politikansatz aushebelte: Im Kampf gelten die alten
Bestimmungen. Danach konnten z.B. bei Unternehmen gegen Gebiete,
in denen man Partisanen vermutete, die von der Wehrmacht als "
partisanenverseucht" bezeichnet wurden, alle Bewohner erschossen
und die Dörfer zerstört werden - Anfang 1944 immerhin etwa 90
Prozent Griechenlands. Das undifferenzierte Töten und flächendeckende
Zerstören griff 1944 auch auf Städte über. Der Vertreter Neubachers
in Athen, berichtet, dass bei Angriffen auf deutsche Soldaten
in den Städten ganze Wohnblocks so behandelt würden, wie bis dahin
die Dörfer in Partisanengebieten. Der Befehl vom Dezember 1943
war bis zum Ende der Besatzung die verbindliche Richtschnur für
alle deutschen Soldaten, Polizisten und SS-Leute. Gerade diese
als "Reformbefehl" gedachte Weisung und ihre Auswirkungen belegen
in eklatanter Weise den Kern der Strategie zur Sicherung der deutschen
Herrschaft:
Um die Griechen
zur Duldung der deutschen Herrschaft, der Ausbeutung und Unterdrückung
zu zwingen, wurden sie planmäßig und vorsätzlich zu Zehntausenden
gegen Kriegsbrauch und Völkerrechtsnorm von Deutschen umgebracht,
wurden ihnen unermessliches Leid zugefügt und ungeheure Lasten
aufgebürdet.
Nach
1945 hat man die Griechen über Jahrzehnte damit vertröstet, dass
Ihre Ansprüche aus der Zeit der deutschen Besetzung - und da geht
es nicht nur um Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit,
sondern auch um eine geradezu ungeheure ökonomische Ausbeutung
Griechenlands und seiner Bewohner - bei einer Nachkriegsregelung
berücksichtigt werden. Inzwischen sind 15 Jahre nach dem Zwei-Plus-Vier-Abkommen,
also nach dieser Nachkriegsregelung, vergangen. Die Haltung der
deutschen Stellen ist intransigenter denn je. Das schon angesprochene
Urteil des BGH vom Juni 2003 verschärfte die Situation noch dadurch,
dass es sogar das im so genannten Londoner Schuldenabkommen von
1953 den Griechen zugesicherte Recht einer Regulierung der Ansprüche
nach einem friedensvertraglichen Abkommen mit Deutschland und
die Bestätigung dieses Rechts im deutsch-griechischen Vertrag
von 1960 aufhob.
Es wird Zeit,
dass das offizielle Deutschland endlich den Schritt vom verbalen
Bedauern der in deutschem Namen in Griechenland verübten Verbrechen
zur tätigen Reue unternimmt.
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