Eine Frage der
Gerechtigkeit
Heike Schrader,
jw, 8. Dezember 2005
Griechische und
deutsche Wissenschaftler arbeiten gemeinsam an der Durchsetzung
von Entschädigungsforderungen griechischer Opfer des Nationalsozialismus
In internationalen
Verträgen und von deutschen und griechischen Gerichten wurde in
vielen Fällen bereits die Verpflichtung der BRD als Rechtsnachfolgerin
des nationalsozialistischen Unrechtsstaates festgehalten, verursachtes
Leid angemessen zu entschädigen. Wenn es trotzdem bisher nicht zur
Anerkennung und Begleichung der Schuld gekommen ist, so hat dies
im Wesentlichen politische und nicht juristische Gründe.
Distomo, 10. Juni
1944: Deutsche Soldaten zerstören das griechische Dorf in der Nähe
von Delphi. 218 Einwohner, darunter viele Frauen und Kinder werden
ermordet.
Kalavryta, 13.
Dezember 1943: Als Vergeltung für die Gefangennahme von 78 Soldaten
durch griechische Widerstandskämpfer zerstört die Wehrmacht insgesamt
25 Dörfer der Region. Etwa 1.200 Männer und Jugendliche werden in
der Bezirkshauptstadt Kalavryta erschossen.
Kommeno, 16. August
1943: Gebirgsjägereinheiten der Nazis zerstören die griechische
Kleinstadt und ermorden 317 Bewohner unabhängig von Geschlecht und
Alter. Unter den Opfern sind auch schwangere Frauen.
Kreta, September
1943: Eine Einheit der 22. Infanteriedivision ermordet fast 500
Bewohner der Ortschaft Vianos.
Namen wie Distomo,
Kommeno, Kalavryta und Vianos stehen beispielhaft für Hunderte von
Massaker, die deutsche Faschisten während der Besetzung Griechenlands
verübten. Aber noch heute, 60 Jahre nach Beendigung des zweiten
Weltkrieges warten die Überlebenden und Angehörigen der Opfer auf
eine angemessene Entschädigung.
Seit 1996 setzt
sich der Griechische Nationalrat für Entschädigungsforderungen gegen
Deutschland für eine Wiedergutmachung des erlittenen Unrechtes ein.
Die auf Initiative des griechischen Nationalhelden Manolis Glezos,
der 1941 zusammen mit Apostolos Santas die Hakenkreuzfahne von der
Akropolis entfernte, gegründete Initiative wird maßgeblich von ehemaligen
Widerstandskämpfern aber auch von Antifaschisten der jüngeren Generation
getragen. In einem vom Nationalrat am Wochenende in Athen ausgetragenen
Symposium versuchten griechische Wissenschaftler in Zusammenarbeit
mit deutschen Kollegen, das Ausmaß des Schadens aufzudecken und
juristisch verwertbare Beweise und Argumente für bestehende und
zu stellende Entschädigungsforderungen zu sammeln.
Die unter anderem
vom Historiker Martin Seckendorf aufgestellte Bilanz des Schreckens
ist erdrückend. Mindestens 800.000 Menschen verloren in Griechenland
in den Jahren 1940 bis 1944 ihr Leben. Tausende wurden von der Wehrmacht
in Vergeltungsaktionen für von den Partisanen erschossene deutsche
Soldaten hingerichtet. Als Richtschnur galt die Ermordung von 50
bis 100 "Kommunisten" für einen gefallenen Deutschen.
Weitaus mehr Griechen ließ das Besatzungsregime gnadenlos verhungern,
weil fast die gesamte griechische landwirtschaftliche Produktion
des Landes zur Ernährung der Besatzer, aber auch zur Versorgung
des deutschen Afrikakorps beschlagnahmt wurde.
Raub antiker Kunstschätze
Die Deutschen ließen
sich 51 Prozent Eigentum an jedem griechischen Industrieunternehmen
überschreiben, sämtliche gewonnenen Rohstoffe, vor allem das für
den Panzerbau nötige Chrom, wurden nach Deutschland exportiert.
Zum Teil geschah die Plünderung des Landes dabei mit offenem Raub.
So wurde den Soldaten zeitweise über weite Teile des Landes erlaubt,
sich die Güter ihrer Opfer anzueignen. Auch Kulturgüter aus der
griechischen Antike wurden massenhaft außer Landes gebracht oder
landeten in Privatbesitz von Nazigrößen.
Teilweise achteten
die Faschisten aber auch auf eine "legale" Verbrämung
der Plünderung. So wurde durch eine einfache Anpassung der Preise
an die vielen Exporte und wenigen Importe, vorgenommen durch die
"Deutsch-Griechische Warenausgleichsgesellschaft" die
für Deutschland negative Außenhandelsbilanz von 73 Millionen Reichsmark
im Jahre 1943 auf ein Guthaben von 20 Millionen Reichsmark korrigiert.
In den ersten Monaten
des Jahres 1941 erhielten die in Griechenland stationierten deutschen
Truppen ein extra gedrucktes Zahlungsmittel für ihre Einkäufe. Die
"Reichskreditkassenscheine" wurden von keiner deutschen
Bank als Zahlungsmittel anerkannt und waren nichts als wertloses
Falschgeld. Händler in Griechenland waren gezwungen, die verlangten
Waren umsonst an die Soldaten herauszugeben, wenn sie nicht zusätzlich
zu den beispielsweise mit 50 Reichsmark
"bezahlten" Zigaretten noch wertvolle 44 griechische Drachmen
Wechselgeld verlieren wollten. Selbst den Abzug der Falschwährung
vom Markt ließ sich das 3. Reich noch mit mehreren Milliarden Drachmen
von der griechischen Kollaborationsregierung vergüten.
Falschgeld "Reichskreditkassenscheine"
Andere Referenten
zeigten vor allem die Strategie der BRD auf, sich gegen Entschädigungszahlungen
zu wehren. So wies der Dozent für Geschichte Rolf Surmann in seinem
Beitrag auf die besondere Qualität des 2. Weltkrieges hin, der nicht
nur einfach ein "normaler" Eroberungskrieg, sondern in
einer Verbindung von Weltherrschaftsstreben und Rassismus ein ganz
neuartiger Vernichtungskrieg gewesen sei. Bei seinen Verbrechen
handele es sich nicht um bekannte Kriegsverbrechen, sondern um die
in Nürnberg erstmalig zur Verhandlung gekommenen "Verbrechen
gegen die Menschheit" ( Crime against
humanity).
Bereits kurz nach
der Gründung der Bundesrepublik habe die damalige CDU Regierung
unter Konrad Adenauer in enger Zusammenarbeit mit den westlichen
Siegermächten eine harte Bestrafung der Täter oder eine angemessene
Entschädigung der Opfer verhindert. In den bundesdeutschen Entschädigungsgesetzen
wurde eine Wiedergutmachung auf deutsche Opfer des Faschismus reduziert,
die 1953 in London ausgehandelten Westverträge verschoben eine Zahlung
von Reparationen auf den Abschluß eines Friedensvertrages und 1990
in dem de facto als Friedensvertrag geltenden 2+4-Vertrag im Zuge
der Wiedervereinigung werden "humanitäre Gesten" und "Wirtschaftshilfen"
anstelle von Wiedergutmachung genannt. Schon von ihrer Gründung
an war den Westalliierten eine Einbindung der BRD auf Westseite
im kalten Krieg wichtiger als die Herstellung von Gerechtigkeit
gegenüber den Opfern des Faschismus.
Genau um diese
Gerechtigkeit geht es aber den im und mit dem Nationalrat arbeitenden
deutschen und griechischen Antifaschisten. Denn nur, wenn die Verbrechen
von damals gesühnt werden, so Damianos Vassiliadis, Sprecher des
Griechischen Nationalrates, könnte potentielle Täter von heute abgeschreckt
werden, die gleichen Verbrechen wieder zu begehen.
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