"Gerechtigkeit
braucht gesicherte Fakten"
Deutsche und griechische
Wissenschaftler untermauern Entschädigungsforderungen gegen die
Bundesregierung. Ein Gespräch mit Damianos Vassiliadis
Interview: Heike
Schrader, Athen mit Damianos Vassiliadis (Sprecher des Griechischen
Nationalrates für Entschädigungsforderungen gegen Deutschland)
F: Der Griechische
Nationalrat tritt seit Jahren für die Durchsetzung von Forderungen
zur Wiedergutmachung faschistischen Besatzungsterrors in Griechenland
in den Jahren 1941 bis 1944 gegenüber Deutschland ein. Wie ist er
entstanden?
Der Nationalrat
wurde 1996 auf Initiative von Manolis Glezos, dem Widerstandshelden,
der 1941 die Hakenkreuzfahne von der Akropolis entfernte, gegründet.
Die meisten unserer Mitglieder sind ehemalige Widerstandskämpfer,
aber auch viele jüngere Leute haben sich uns angeschlossen.
F: An den Treffen
des Rates nehmen auch Wissenschaftler aus Deutschland teil. Was
ist das Ziel der gemeinsamen Arbeit?
Im Vordergrund
steht die wissenschaftliche Begründung und juristische Untermauerung
unserer Ansprüche gegenüber Deutschland. Obwohl Gerechtigkeit für
die Opfer eine politische Frage ist, brauchen wir gesicherte Fakten
und leider auch juristische Argumente, um unsere Forderungen bei
den deutschen Behörden durchsetzen zu können. Das Recht ist auf
unserer Seite, und es ist nicht einfach eine moralische Frage, daß
der deutsche Staat bezahlen muß. Es geht nicht nur darum, daß die
Schuld gegenüber den Opfer gesühnt werden muß, sondern auch um die Verhinderung
von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Zukunft. Die Folgen
davon, daß die Verbrecher von gestern ungestraft davonkommen, kann
man beispielsweise am Überfall der Bush-Regierung auf Afghanistan
oder Irak sehen.
F: Welche Rolle
spielt die Zusammenarbeit mit deutschen antifaschistischen Initiativen?
Bereits aus der
Zeit meines Exils während der Militärjunta in Griechenland (1967-74)
bestanden Kontakte zu antifaschistischen Organisationen und Einzelpersonen
in Deutschland. Initiativen wie die Antifa in Darmstadt oder der
Arbeitskreis Distomo in Hamburg arbeiteten lange vor der Gründung
des Nationalrates am Thema. Auch einzelne heute zum Teil hier vertretene
Wissenschaftler wie Norman Paech engagieren sich unabhängig von
uns schon seit Jahren für die Wiedergutmachung des Unrechtes. Mit
der Gründung des Nationalrates entstand aber eine neue Qualität
der Zusammenarbeit. Es hat einfach eine andere Wirkung, wenn nicht
nur wir als Opfer, sondern auch Menschen aus Deutschland unsere
Ansprüche vertreten.
F: Auf einem Symposium
des Nationalrates am vergangenen Wochenende wurde das entsetzliche
Ausmaß der von den Faschisten verursachten Verluste an Menschenleben
und materiellen Schäden beziffert. Dabei wurden auch Details, wie
beispielsweise der Raub griechischer Kulturgüter, beleuchtet. Inwieweit
sind die Verbrechen der deutschen Besatzer innerhalb der griechischen
Bevölkerung überhaupt bekannt?
Die Position der
bisherigen griechischen Regierungen, egal ob der konservativen Nea
Dimokratia oder der sozialdemokratischen PASOK gegenüber dem deutschen
Staat hat bis heute eine gründliche Auseinandersetzung verhindert.
In den griechischen Medien kommt das Thema kaum vor. Es ist der
Eigeninitiative besonders von Lehrern zu verdanken, daß ehemalige
Widerstandskämpfer in Schulen eingeladen werden, um in der jungen
Generation die Erinnerung an die Vergangenheit zu erhalten.
Während die linken
Parteien im Parlament, also die Kommunistische Partei Griechenlands
und die Linksallianz Synaspismos, unsere Forderungen unterstützen,
haben Nea Dimokratia und PASOK bisher keinerlei Anstrengungen unternommen,
beim deutschen Staat eine Wiedergutmachung durchzusetzen, weil sie
die Beziehungen Griechenlands zu Deutschland nicht belasten wollen.
Es braucht also auch Druck hierzulande, damit die Regierung ihrer
Aufgabe, sich für die Interessen der Opfer einzusetzen, nachkommt.
junge
Welt vom 8. Dezember 2005 Interview
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