Veranstaltung
Prozess gegen ELA
Prozess gegen 17.November
Haftbedingungen
Solidarität
Staat&Repression
Presse
Erklärungen
Fotos und Plakate
Hintergrund
Aktuelles
Europäisches Sozialforum
in Athen 2006


MAIL

"Gerechtigkeit braucht gesicherte Fakten"

Deutsche und griechische Wissenschaftler untermauern Entschädigungsforderungen gegen die Bundesregierung. Ein Gespräch mit Damianos Vassiliadis

Interview: Heike Schrader, Athen mit Damianos Vassiliadis (Sprecher des Griechischen Nationalrates für Entschädigungsforderungen gegen Deutschland)

F: Der Griechische Nationalrat tritt seit Jahren für die Durchsetzung von Forderungen zur Wiedergutmachung faschistischen Besatzungsterrors in Griechenland in den Jahren 1941 bis 1944 gegenüber Deutschland ein. Wie ist er entstanden?

Der Nationalrat wurde 1996 auf Initiative von Manolis Glezos, dem Widerstandshelden, der 1941 die Hakenkreuzfahne von der Akropolis entfernte, gegründet. Die meisten unserer Mitglieder sind ehemalige Widerstandskämpfer, aber auch viele jüngere Leute haben sich uns angeschlossen.

F: An den Treffen des Rates nehmen auch Wissenschaftler aus Deutschland teil. Was ist das Ziel der gemeinsamen Arbeit?

Im Vordergrund steht die wissenschaftliche Begründung und juristische Untermauerung unserer Ansprüche gegenüber Deutschland. Obwohl Gerechtigkeit für die Opfer eine politische Frage ist, brauchen wir gesicherte Fakten und leider auch juristische Argumente, um unsere Forderungen bei den deutschen Behörden durchsetzen zu können. Das Recht ist auf unserer Seite, und es ist nicht einfach eine moralische Frage, daß der deutsche Staat bezahlen muß. Es geht nicht nur darum, daß die Schuld gegenüber den Opfer gesühnt werden muß, sondern auch um die Verhinderung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Zukunft. Die Folgen davon, daß die Verbrecher von gestern ungestraft davonkommen, kann man beispielsweise am Überfall der Bush-Regierung auf Afghanistan oder Irak sehen.

F: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit deutschen antifaschistischen Initiativen?

Bereits aus der Zeit meines Exils während der Militärjunta in Griechenland (1967-74) bestanden Kontakte zu antifaschistischen Organisationen und Einzelpersonen in Deutschland. Initiativen wie die Antifa in Darmstadt oder der Arbeitskreis Distomo in Hamburg arbeiteten lange vor der Gründung des Nationalrates am Thema. Auch einzelne heute zum Teil hier vertretene Wissenschaftler wie Norman Paech engagieren sich unabhängig von uns schon seit Jahren für die Wiedergutmachung des Unrechtes. Mit der Gründung des Nationalrates entstand aber eine neue Qualität der Zusammenarbeit. Es hat einfach eine andere Wirkung, wenn nicht nur wir als Opfer, sondern auch Menschen aus Deutschland unsere Ansprüche vertreten.

F: Auf einem Symposium des Nationalrates am vergangenen Wochenende wurde das entsetzliche Ausmaß der von den Faschisten verursachten Verluste an Menschenleben und materiellen Schäden beziffert. Dabei wurden auch Details, wie beispielsweise der Raub griechischer Kulturgüter, beleuchtet. Inwieweit sind die Verbrechen der deutschen Besatzer innerhalb der griechischen Bevölkerung überhaupt bekannt?

Die Position der bisherigen griechischen Regierungen, egal ob der konservativen Nea Dimokratia oder der sozialdemokratischen PASOK gegenüber dem deutschen Staat hat bis heute eine gründliche Auseinandersetzung verhindert. In den griechischen Medien kommt das Thema kaum vor. Es ist der Eigeninitiative besonders von Lehrern zu verdanken, daß ehemalige Widerstandskämpfer in Schulen eingeladen werden, um in der jungen Generation die Erinnerung an die Vergangenheit zu erhalten.

Während die linken Parteien im Parlament, also die Kommunistische Partei Griechenlands und die Linksallianz Synaspismos, unsere Forderungen unterstützen, haben Nea Dimokratia und PASOK bisher keinerlei Anstrengungen unternommen, beim deutschen Staat eine Wiedergutmachung durchzusetzen, weil sie die Beziehungen Griechenlands zu Deutschland nicht belasten wollen. Es braucht also auch Druck hierzulande, damit die Regierung ihrer Aufgabe, sich für die Interessen der Opfer einzusetzen, nachkommt.

junge Welt vom 8. Dezember 2005   Interview