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junge Welt, 11.04.2005
Kontra Blockadepolitik
Verfolgung faschistischer
Verbrechen und Opferentschädigung gefordert
In diesem Jahr
wird die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ)
ihre Arbeit beenden; damit soll die deutsche Entschädigungspolitik
gegenüber Opfern des Faschismus ihren endgültigen Abschluß
finden. Kann mit dem 60. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus
also auch eine Erfolgsgeschichte der deutschen Entschädigungspolitik
gezogen werden, wie von offizieller Seite verlautet? Die internationale
Konferenz "NS-Opfer entschädigen - NS-Täter bestrafen", die an diesem
Wochenende in Berlin stattfand hat diese Frage mit einem klaren
Nein beantwortet.
Die Entschädigungsleistungen Deutschlands waren niemals Resultat
eines Schuldempfindens gegenüber den Opfern, sagte Rolf Surmann
(Hamburg). Alle Wiedergutmachungsleistungen der BRD wurden oktroyiert,
zunächst von den Siegermächten, zuletzt durch Klagen in den USA.
Deutschland versuchte stets, Entschädigungen zu vermeiden. Daher
waren bei der Verteilung der Gelder der EVZ auch nicht die Schäden
der Zwangsarbeiter maßgeblich, sondern die Geldsummen, die man aufzubringen
bereit war.
Entsprechend wurden ganze Opfergruppen wie die sowjetischen und
italienischen ehemaligen Kriegsgefangenen ausgeschlossen. 5,7 Millionen
Rotarmisten wurden während des Zweiten Weltkriegs von deutschen
Truppen gefangengenommen , systematisch
ausgehungert und als Zwangsarbeiter mißbraucht ;
3,3 Millionen von ihnen starben in deutscher Gefangenschaft. Stefan
Taschjian , Rechtsanwalt in Berlin und Jerewan, hat vergeblich
beim Verwaltungs- und Oberverwaltungsgericht Berlin versucht, eine
Entschädigung für die Überlebenden einzuklagen.
Auch die italienischen ehemaligen Soldaten haben bisher keinen Cent
Entschädigung erhalten, obwohl sie als sogenannte
Militärinternierte völkerrechtswidrig Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie
leisten mußten . Joachim Lau, Rechtsanwalt
in Florenz, will die Klagen ehemaliger Militärinternierter auf Entschädigung
beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte weiter verfolgen.
Auch Massakeropfer erhielten bislang keine Wiedergutmachung. Argyris Sfountous hat das Massaker
von Distomo überlebt, Encio
Mancini erlebte als Kind das Massaker
im toskanischen Sant´Anna di Stazzema .
Die beiden Zeitzeugen berichteten von der kaum vorstellbare Brutalität,
mit der Wehrmachts- und SS-Verbände die deutsche Politik der "verbrannten
Erde" gegenüber der Zivilbevölkerung exekutierten und sogar Säuglinge
und ungeborene Kinder ermordeten. Der Fall Distomo
ist in der BRD seit Jahren bekannt. Im April 2000 wurde Deutschland
vom Obersten Gerichtshof Griechenlands zu einer Zahlung von 28 Millionen
Euro verurteilt, doch bisher hat Berlin keinen Cent gezahlt, sondern
mit diplomatisch-politischem Druck die Vollstreckung des Urteils
unterbunden.
Dieser Schlußstrichmentalität versuchten
die Konferenzteilnehmer etwas entgegenzusetzen und forderten in
einer Abschlußresolution die Bundesregierung auf, alle noch lebenden
faschistischen Verbrecher zu verurteilen und sämtliche Opfer der
Nazidiktatur zu entschädigen.
Angela Martin
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